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Houston, wir haben ein Problem!

Themenschwerpunkt Krisenbekämpfung  – denk.stoff 1/2022

Aktuell ist die Krisenbekämpfung ganz oben auf der politischen Agenda. Viele aktuell kursierende Vorschläge stärken aber weder die strategische Autonomie noch klimapolitisch notwendige Weichenstellungen.

Arbeiter dreht an einem großen Gashahn vor gelben Hintergrund (c) shutterstock/Oil and Gas Photographer

„Houston, wir haben ein Problem!“ – so oder so ähnlich lautete der Funkspruch, den die „Apollo 13“-Besatzung am 13. April 1970 an das Space Center im texanischen Houston sandte. Knapp 56 Stunden nach dem Start explodierte ein Tank in einem Servicemodul, was letztlich dazu führte, dass die Mission abgebrochen werden musste. Anfänglich soll die Enttäuschung über die verpasste Mondlandung bei der Besatzung größer gewesen sein als die Sorge, wie und ob sie überhaupt zur Erde zurückkehren könnten.

Und hier drängen sich ein paar Analogien zur aktuellen Krisensituation auf. Am 24. Februar startete Russland den Angriffskrieg auf die Ukraine. Laut einer Befragung des Gallup-Institutes von Ende April dieses Jahres machen höhere Preise bei Nahrungsmitteln (91 %) und Energie (90 %) den Befragten große bzw. sehr große Angst. Andere geopolitische Konsequenzen des Krieges bereiten den Menschen offenbar weniger Sorgen. Dies spiegelt sich auch in der aktuellen Debatte in Österreich – und nicht nur hier – wider. Die Rufe nach Maßnahmen gegen die Teuerung bestimmen die Diskussionen und die meisten konkreten Vorschläge haben eines gemeinsam: Sie sollen (fast) allen eine finanzielle Entlastung bringen, sie sind daher insgesamt sehr teuer und konterkarieren klima- und umweltpolitische Überlegungen.

Österreich ist auf Erdgas angewiesen. 22,7 Prozent des Bruttoinlandsverbrauchs wird durch den Energieträger Gas bereitgestellt. Gas benötigen nicht nur die Haushalte zum Heizen (sowie zur Warmwasserbereitung und zum Kochen). Gas benötigt vor allem auch die produzierende Industrie und der (gewerbliche) Transport – auf diese drei Bereiche entfallen – zu annähernd gleich großen Teilen – 90 Prozent der Nutzung. Und Österreich ist in seiner Gasversorgung zu 64 Prozent von Importen aus Russland abhängig.

Nicht erpressbar sein als Gebot der Stunde

Der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments hat in einer Studie aus dem Jahr 2020 – noch vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie – „strategische Autonomie“ definiert: Es geht „nicht um Eigenständigkeit, sondern um die Mittel und Instrumente, um in Bereichen, die als strategisch erachtet werden und in denen durch Abhängigkeiten die Autonomie gefährdet werden könnte, externe Abhängigkeiten abzubauen und gleichzeitig in einem multilateralen Umfeld weiterhin mit Partnern zusammenzuarbeiten.“ Strategische Autonomie bedeutet also nicht erpressbar sein. Genau das ist heute nicht der Fall. Nicht im Energiebereich, und damit auch in keinem anderen Bereich. Denn unsere heutige Gesellschaft ist in jedem Bereich auf Energie angewiesen. Ohne Gas kann die Papierindustrie keine Verpackungen für Lebensmittel herstellen, ohne Gas kann kein Metall und kein Glas produziert werden, ohne Gas ist die Strom- und Wärmeerzeugung derzeit nicht möglich, ohne Strom kann keine Zahlung getätigt werden und nicht getankt werden, ohne Treibstoff kann Logistik nicht funktionieren und auch nicht die medizinische Versorgung – ohne Energie funktioniert nichts. Und ohne Gas funktioniert die Energieversorgung nicht. Ein plötzlicher Gaslieferstopp würde unsere Wirtschaft, unsere ganze Gesellschaft vor erhebliche Probleme stellen. Die Österreichische Nationalbank hat in einem Modell einen Gaslieferstopp ab Juni simuliert und kommt zu einem BIP-Verlust von 3,1 Prozent – dabei ist aber noch keine Verteuerung von Energie berücksichtigt, wovon auszugehen ist. WIFO-Chef Gabriel Felbermayr hält das Szenario eines Gas-Importstopps gar nicht für modellierbar.

Österreich, Europa, wir alle haben also ein massives Problem. Wir sind erpressbar. Vor allem, weil wir es verabsäumt haben, die Lieferanten zu diversifizieren und unsere Energieversorgung stärker auf alternative (erneuerbare) Beine zu stellen, was allein schon aus Klimaschutz-Überlegungen notwendig gewesen wäre und immer noch ist. Und die derzeit diskutierten Vorschläge zur Krisenbekämpfung wie Verbilligung von Energie sind kontraproduktiv, wenn wir aus diesem Teufelskreis herauskommen wollen. Der wissenschaftliche Beirat des Ökosozialen Forums hat auf diesen Umstand bei einem Pressegespräch hingewiesen. „Eine generelle Verbilligung von Energieprodukten, Mehrwertsteuersenkungen oder finanzielle Kompensationen nach dem Gießkannenprinzip sind in der aktuellen Situation nicht zielführend“, so Christoph Badelt, Präsident des Fiskalrats und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Ökosozialen Forums, in einem Pressegespräch im Mai. Stattdessen sollten gezielt sozial benachteiligte und besonders betroffene Gruppen sowie energieintensive Branchen unterstützt und gleichzeitig umweltfreundliche Alternativen gefördert werden.

Sonst geht es uns wie den Astronauten der „Apollo 13“-Mission. Wir reduzieren ein Problem auf eine kurzfristige Auswirkung und vergessen, dass es wichtige langfristige Ziele gibt. Den drei Astronauten hat – so wir der filmischen Umsetzung glauben – der unermüdliche und professionelle Einsatz des Bodenpersonals das Leben gerettet. Hoffen wir, dass auch bei uns die Arbeit der Mission-Control ähnlich erfolgreich ist.

Strommast vor blau, rosa Himmel.

Es ist eine Ausnahmesituation

Was ist aktuell die größte Gefahr für die Strom- und Gasversorgung in Österreich?

Michael Strugl: Der größte Einflussfaktor auf die aktuelle Situation ist der Krieg in der Ukraine, der im Energiesektor voll eingeschlagen ist. Bereits im Laufe des vergangenen Jahres war ein deutlicher Preisanstieg bei allen Energieträgern zu verzeichnen, das betraf Öl, Gas, Kohle, Strom und auch den CO2-Preis. Die Gründe lagen in der auslaufenden Pandemie und dem beginnenden Wirtschaftsaufschwung. Es gab eine enorme Nachfrage nach Rohstoffen und Energie und gleichzeitig waren noch Lieferketten unterbrochen.

In Europa war im vergangenen Jahr wenig Gas auf dem Markt bei gleichzeitig steigender Nachfrage. Die Flüssiggaslieferungen sind nach Asien gegangen, weil dort mehr bezahlt wurde. Es gab Probleme in den europäischen Förderungen, v. a. in Norwegen. Die Füllstände waren historisch niedrig, weil schon 2021 weniger russisches Gas in Europa angekommen ist. Die Lieferanten haben zwar ihre Lieferverpflichtungen erfüllt, aber nicht mehr geliefert als sie unbedingt mussten. Das hat den Gaspreis dramatisch erhöht. Und dann kam am 24. Februar der Krieg in der Ukraine, der zu einem nochmaligen Preisanstieg geführt hat.

Was müssen wir jetzt tun, um im kommenden Winter oder schon früher keine Probleme mit der Energieversorgung zu haben?

Strugl: Die Europäische Kommission hat eine Speicherverpflichtung für die Mitgliedstaaten beschlossen. Diese legt fest, dass bis zum 1. November die Gasspeicher zu 80 Prozent gefüllt sein müssen. Im nächsten Jahr sollen es dann 90 Prozent sein. Damit will man gewährleisten, dass die nächste Heizperiode abgesichert ist. Ob das gelingen wird, ob genügend Gas auf den Märkten vorhanden ist, wird man sehen. Längerfristig muss es zu einer Diversifizierung der Importländer kommen – zumindest solange wir von Importen abhängig sind. Die ist nicht ganz einfach: Man muss Terminals bauen für Flüssiggas, man braucht Kapazitäten auf Schiffen, man braucht die Pipeline-Kapazitäten. Und man wird Gas auch einsparen bzw. durch andere Energieträger ersetzen müssen, z. B. Wasserstoff. Hier werden die Anstrengungen in ganz Europa massiv verstärkt.

Die Gefahr von Lock-in-Effekten

Wie sinnvoll sind Investitionen in die Gasinfrastruktur, wenn doch der Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung bis 2040 beschlossen wurde?

Strugl: Wenn wir jetzt massive Investitionen vornehmen, beispielsweise für Gasterminals, dann spricht man hier von Lock-in-Effekten. Die enormen Investitionen müssen sich rechnen und das tun sie nur über längere Zeiträume. Damit konterkariert man die Energiepolitik, die auf den Ausstieg aus fossilen Energieträgern abzielt. Das ist ein Spannungsfeld. Es ist aber auch eine Ausnahmesituation und erfordert kurzfristiges Handeln, um größeren Schaden für die Bevölkerung und die Wirtschaft abzuwenden. Aber gasförmige Energieträger wird man weiterhin brauchen, weil diese die entsprechende Speicherfähigkeit haben. Es werden dann eben nicht fossile, sondern grüne Gase wie Wasserstoff sein.

Der Bedarf an grünem Strom wird bis 2030 massiv steigen. Wo kann dieser herkommen?

Strugl: Das beschäftigt uns alle. Der Strombedarf wird stark steigen, weil Strom in andere Sektoren vordringt; beispielsweise in den Mobilitätssektor durch E-Autos, in den Wärmesektor durch Wärmepumpen und die umfassenden Anstrengungen zur Dekarbonisierung der Industrie. Im Erneuerbaren-Ausbaugesetz ist geplant, bis 2030 die gesamte Stromerzeugung in Österreich auf erneuerbare Quellen umzustellen. Dazu brauchen wir 27 Terawattstunden zusätzlich. Das sind ungefähr 20 Gigawatt installierte Erzeugungsleistung aus Photovoltaik, Windkraft, Wasserkraft und auch aus Biomasse. Das entspricht einer Verdoppelung der Kapazität in den Erneuerbaren.

Was bedeutet das für den Ausbau?

Strugl: Wenn wir elf Terawattstunden Sonnenstrom erzeugen wollen, brauchen wir zwei Millionen Einfamilienhausdächer. Also auch wenn alle Industriedächer, Lärmschutzwände, Parkplätze für die Sonnenstromerzeugung genutzt werden, geht sich das nicht aus. Wir brauchen auch Freiflächen, um die angepeilte Menge erzeugen zu können. Bei Windenergie wären das rund 1.200 zusätzliche Windkraftanlagen in Österreich. Und für Wasserkraft bräuchten wir fünf zusätzliche Kraftwerke in der Dimension des Kraftwerks Freudenau. Diese insgesamt 27 Terawattstunden aufzubringen ist eine enorme Herausforderung. Dazu brauchen wir Flächen, die sind derzeit nicht ausgewiesen. Dazu brauchen wir Genehmigungsverfahren, die uns die Umsetzung erlauben. Und selbst wenn uns das gelingt, ist noch nicht gewährleistet, dass die Versorgung funktioniert, weil es gleichzeitig die entsprechenden Netze braucht. Wir müssen die Verteilnetze und die Übertragungsnetze ausbauen, damit der Strom dort hinkommt, wo er gebraucht wird. Und wir müssen die Speicher ausbauen. Vor allem die Pumpspeicherkraftwerke, weil sie es erlauben, die Schwankungen auch saisonal auszugleichen. Es ist eine gewaltige Aufgabe für ganz Europa, so viel und so schnell wie möglich erneuerbare Erzeugung zuzubauen. Aber es muss uns gelingen, denn damit reduzieren wir die Abhängigkeit von fossilen Importen und es ist die einzige Möglichkeit, den Strompreis, unter dem wir aktuell leiden, wieder auf ein vernünftiges Niveau zu bringen.

Michael Strugl ist Vorsitzender des Vorstands der VERBUND AG.

Großer Mähdrescherr in Getreidefeld.

Nahrungsmittelproduktion unabhängig machen

Die Kreislaufwirtschaft ist eine vielversprechende Möglichkeit, die Herstellung unserer Lebensmittel auf nicht fossile Beine zu stellen.

Der Lebensmitteleinkauf der Österreicherinnen und Österreicher hat sich im Vergleich zum Vorjahr merklich verteuert. Laut Statistik Austria musste im April durchschnittlich um 8,4 % mehr für den Lebensmitteleinkauf ausgegeben werden als noch ein Jahr zuvor. Brot verteuerte sich um 8,2 %, Butter schlug sogar mit einem Plus von 25,7 % zu Buche. Die explodierenden Dünger- und Energiepreise sind an der Supermarktkassa angekommen und führen uns unsere Abhängigkeit von importierten, fossilen Produktionsmitteln vor Augen.

Es ist daher höchste Zeit, diese Abhängigkeiten zu entkoppeln und nachhaltige Lösungen zu finden, die die Versorgung sichern, diese auch langfristig krisenfest machen und gleichzeitig verträglich für Klima und Biodiversität sind. Wie dies gelingen kann, war Thema bei der agrar- und forstwissenschaftlichen Konferenz des Ökosozialen Forums Anfang Mai. Über hundert Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis diskutierten über die Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft bzw. einer kreislaufbasierten Lebensmittelproduktion. In einer Kreislaufwirtschaft werden Abfälle zu wertvollen Ausgangsstoffen für andere Anwendungen. Koppel- und Nebenprodukte aus Produktion, Verarbeitung und Konsum von Lebensmitteln werden entweder weiterverwendet – beispielsweise als Futtermittel – oder wieder in die Produktion zurückgeführt. Ziel dabei ist es, die Ressourcen entlang des gesamten Produktions- und Verarbeitungsnetzwerks so effizient wie möglich zu nützen und somit den bestmöglichen Output an Lebensmitteln zu erzielen. Stoffe, die nicht mehr weiterverarbeitet werden können, sollen im letzten Schritt zur Energiegewinnung verwendet werden.

Der Professor für Tierernährung Wilhelm Windisch von der TU München und Vorsitzender des agrar- und forstwissenschaftlichen Beirats des Ökosozialen Forums brachte den neuen Denkansatz auf den Punkt, der für die Kreislaufwirtschaft nötig ist: Denken wir in der Kategorie Biomasse – essbare und nicht essbare – und wie wir die darin enthaltenen Nährstoffe bestmöglich für den Menschen nutzbar machen. Dieser systemische Ansatz beinhaltet auch ein Plädoyer für eine nachhaltige Nutztierhaltung, weil nur sie Gras in verwertbare Biomasse umwandeln können. Noch effizienter wird dieses System durch die Nutzung von Synergien, wenn also spezialisierte Einzelbetriebe zusammenarbeiten. Denn Kreislaufwirtschaft heißt nicht, dass jeder Betrieb komplett auf sich gestellt sein muss, sondern dass auf dem derzeitigen Stand der Wissenschaft und der technischen Machbarkeit verantwortungsbewusst für Mensch und Umwelt das Beste aus den vorhandenen Ressourcen herausgeholt wird. Nur so können wir die Abhängigkeit der Lebensversorgung von fossilem Dünger und fossiler Energie auflösen, und somit deren Krisenfestigkeit gewährleisten.

Hand baut vier Münzstapel.

Letztlich eine Frage des Geldes

Auf der Pariser Terminbörse MATIF lag der Schlusspreis für Weizen am 31. Mai bei 392 Euro pro Tonne. Ein Jahr zuvor notierte die Tonne bei 200 Euro. Auch Mais, Gerste und Ölsaaten haben sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine um 40 bis 50 Prozent verteuert. Die Ukraine produzierte 2020 laut FAO 25 Millionen Tonnen Weizen, das sind 3,3 Prozent der weltweiten Produktion. Auch wenn die aktuelle Produktions-Prognose der FAO im weltweiten Maßstab derzeit mit keinen Verlusten gegenüber der Vorjahresernte rechnet und kurzfristige Ankündigungen von Exporten über russisch besetzte Schwarzmeerhäfen die Preisrallye leicht gedämpft haben, bleiben massive Unsicherheiten; vor allem für Nordafrika.

Ägyptens Weizen-Importe liegen laut FAO aktuell bei 13 Millionen Tonnen, sieben Prozent über den Importen der vergangenen Periode. Die drei bedeutendsten Ursprungsländer sind Russland, die Ukraine und Rumänien. Auch wenn es derzeit danach aussieht, dass die ausfallenden Mengen anderswo aufgetrieben werden können, sind die Preissteigerungen gerade für Länder mit hoher Importabhängigkeit ein großes Problem. Und natürlich sind die armen Bevölkerungsgruppen am stärksten betroffen. In Ägypten leben über 100 Millionen Einwohner und davon – so die offiziellen Schätzungen – etwa ein Drittel in extremer Armut. Nachdem die Brotpreise bereits um über 50 Prozent gestiegen waren, musste die Regierung die Preise fixieren. Selbst wenn es mengenmäßig zu keinen Engpässen im weltweiten Getreideangebot kommen sollte – was auch unter Experten keineswegs als sicher gilt –, so könnte allein durch die Preissteigerungen die Versorgung gefährdet sein. Zumindest für die Ärmsten der Armen tickt die Uhr. Lösungen und Solidarität sind dringend gefragt, sonst müssten zu den Kriegstoten in der Ukraine auch jene in anderen Regionen der Welt hinzugezählt werden.

Publikationen


Klimaschutz & Klimaanpassung – denk.stoff 1/2025
Klimaschutz & Klimaanpassung – denk.stoff 1/2025
Versorgungssicherheit – denk.stoff 2/2023
Versorgungssicherheit – denk.stoff 2/2023
Zukunft der Arbeit – denk.stoff 1/2023
Zukunft der Arbeit – denk.stoff 1/2023

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