Wintertagung 2021: Familienbetriebe sind auch künftig Garant für vitalen ländlichen Raum

Presseaussendung

Experten am Fachtag Grünland- und Viehwirtschaft der 68. Wintertagung des Ökosozialen Forums: Außer-Haus-Konsum und Handwerk bieten Chancen, es braucht aber Anreize, auf heimische Produkte zu setzen.

Milchkaffee, Bergkäse oder das berühmte Kalbswiener: Darauf möchte die Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher nicht verzichten. Etwa 90 Liter Milch, 20 Kilogramm Käse und 12 kg Rind- und Kalbfleisch verspeisen so jede und jeder Einzelne von uns im Jahr. Während der COVID-Krise hat jedoch nicht jedes Glied der Kette optimal funktioniert. Im Zentrum des Fachtags Grünland- und Viehwirtschaft im Rahmen der Wintertagung 2021 des Ökosozialen Forums standen daher die Lehren aus der COVID-Krise sowie Chancen und Perspektiven für die Branche. Am Fachtag Grünland- und Viehwirtschaft waren insgesamt ca. 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer via Livestream dabei. Zum Thema „Versorgungssicherheit dank standortgerechter Landwirtschaft?!“ stehen zudem in der Wintertagungs-Mediathek Beiträge von Expertinnen und Experten zur Verfügung.

Pernkopf: Braucht Produktion vor der Haustür im Einklang mit Ökologie

Der Präsident des Ökosozialen Forums Österreich & Europa, Stephan Pernkopf, betonte eingangs des letzten Fachtags zu Grünland- und Viehwirtschaft, dass die Gesellschaft durch die Pandemie verwundbar geworden ist: „Die Vergessenskurve ist jedoch sehr hoch, denn wer weiß heute noch, dass im März 2020 die Regale leer und die Grenzen gesperrt waren und dass es Probleme mit der Verfügbarkeit von Impfstoffen gab. Auch das hat mit Verwundbarkeit zu tun. Wir haben eine sehr gute Situation, was die Zukunft bei der europäischen Agrarpolitik anbelangt. Aber wir diskutieren bei der Wintertagung auch seit dem Eröffnungstag, dass wir eine ökologisch vorbildhafte Produktion in Österreich haben wollen, vor allem aber, dass wir eine Produktion haben wollen. Ich bin nicht dafür, dass der Green Deal falsch umgesetzt wird, es dann weniger Produktion in Europa gibt und es zu geringeren Einkommen für die Bäuerinnen und Bauern kommt. Wir brauchen daher eine nachhaltige Intensivierung, also eine Produktion unter höchsten Standards vor der eigenen Haustür. Es macht ja keinen Sinn, wenn in Europa nicht produziert wird und die Billigware dann aus emissionsintensiven Gebieten kommt. Wir stehen zu 100 Prozent dazu. Blühstreifen-Ökologisierung ist gut, aber sie darf nicht dazu führen, dass gleichzeitig die Kondensstreifen mehr werden, weil die Produkte importiert werden müssen. Das Ökosoziale Forum rückt daher den Hausverstand in den Mittelpunkt.“

Köstinger: Qualitätsproduktion in Österreich und Mercosur passen nicht zusammen

Elisabeth Köstinger, Bundesministerin für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (BMLRT), gab einen Einblick in die politischen Strategien, die auch künftig eine hohe Versorgungssicherheit gewährleisten sollen. „Denn das Thema Versorgungssicherheit war noch nie so stark in unserem Bewusstsein. Es hat auch noch nie so viel Bewusstsein und Wertschätzung für die Bäuerinnen und Bauern gegeben. Unser Anliegen ist es daher, die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern in den Mittelpunkt zu rücken. Denn insbesondere bei der Fleischproduktion sind wir in Österreich gesegnet. Das zeigt, dass saftige Weiden die perfekte Grundvoraussetzung für Viehhaltung sind. Diejenigen, die dafür verantwortlich sind, dass die Versorgung ausreichend ist, sind dabei unsere bäuerlichen Familienbetriebe, die in ganz Österreich Äcker und Ställe bewirtschaften. Im Bereich der Lebensmittelversorgung sind wir also sicher. Es ist aber auch wichtig, jeden einzelnen Betrieb zu erhalten und dafür zu sorgen, dass jede nachfolgende Generation eine Chance in der produzierenden Landwirtschaft sieht.“ 

„Die Pandemie hat uns mit voller Härte und hier vor allem im Rindfleischbereich getroffen. Die Branche hat in den letzten Monaten durch den Wegfall von Gastronomie und Hotellerie massive Einbrüche hinnehmen müssen. Bei Rindfleisch kommt hinzu, dass es verstärkt außer Haus konsumiert wird, weil es schwerer zuzubereiten ist als etwa Huhn und Schwein. Hier ist uns eine gemeinsame Strategie gelungen, um den Markt zu entlasten. Statt Lagerhaltung ist es nämlich besser, Geld in die Hand zu nehmen und gemeinsame eine Vermarktungsoffensive zu starten.“

„Wichtig ist, dass die Landwirtschaft nicht nur produziert, sondern dass sie auch Verantwortung für Umwelt, Natur und Klimaschutz trägt. Aber das muss im Einklang mit fairen Preisen und einer Abgeltung der Leistungen passieren. Alles, was aktuell gefordert wird, machen Österreichs Bäuerinnen und Bauern seit Jahrzehnten im Rahmen von ÖPUL und wir haben auf europäischer Ebene alles getan, dass dieser österreichische Weg abgesichert ist. Die Branche scheut sich zudem nie vor einer Diskussion und ist immer bereit, Verbesserungen umzusetzen. Die Bäuerinnen und Bauern haben verstanden und wollen den Weg für mehr Tierwohl gehen. Es braucht jetzt aber die Konsumentinnen und Konsumenten, die bereit sind, auch mehr dafür zu bezahlen. Das wird aber nicht funktionieren, wenn wir gleichzeitig das Mercosur-Abkommen verhandeln. Es kann nicht sein, dass wir die Standards nach oben treiben und dann in rauen Mengen importieren, was nicht unseren Standards entspricht. Daher gibt es hier ein ganz klares Nein.“

Hauk: Gastronomie und Handwerk leisten Beitrag für Bio-Wachstum

Peter Hauk, Minister für ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg, veranschaulichte Herausforderungen bei der Erreichung eines hohen Bioanteils in der Landwirtschaft und Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit. „Österreich hat stets eine Pionierrolle eingenommen und eine lange Tradition in der Bio-Landwirtschaft. Aktuell gibt es mehr Menschen, die Wert darauflegen, zu wissen, wo und wie Lebensmittel produziert werden. Hinzu kommt der Trend zu mehr regional. Baden-Württemberg hat sich ebenfalls verpflichtet, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Fläche ökologisch zu bewirtschaften. Und das wollen wir nicht durch Verbote und Gebote erreichen, sondern durch Anreize und indem wir EU-Mittel mit Landesmitteln ergänzen. Wir wollen damit die Rahmenbedingungen für die ökologische Landwirtschaft verbessern und den Landwirtinnen und Landwirten den Einstieg erleichtern. Der Schlüssel liegt aber in der Nachfrage: Ein angestrebtes Wachstum bei der Biofläche muss ohne Marktverwerfung stattfinden.“

„Die Europäische Kommission hat mit der Farm to Fork- und Biodiversitätsstrategie ambitionierte Ziele bei Umwelt, Klima und Biodiversität gesetzt. Für alle Bäuerinnen und Bauern wird das Anforderungsniveau für Direktzahlungen angehoben. Wir unterstützen den Green Deal, denn ohne nachhaltige Landwirtschaft gibt es keine Ernährung der Menschen und keine Stabilität der Gesellschaften. Wir müssen alles tun, um den Klimawandel und seine Auswirkungen so weit wie möglich zu reduzieren. Der Green Deal hat dabei weitreichende Auswirkungen auf die Agrarpolitik. Neben dem Ausbau des Ökolandbaus braucht es auch eine Weiterentwicklung des konventionellen Anbaus, um den Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln zu reduzieren. Wir wollen auf die gesellschaftliche Forderung eines geringeren Einsatzes mit den neuen Möglichkeiten, die sich uns bieten, eingehen. Die Ziele des Green Deals können wir aber nur umsetzen, wenn wir die Familienbetriebe unterstützen, denn ohne sie gibt es keinen lebendigen ländlichen Raum und keine regionale Produktion.“

„Die Zahl unserer Bio-Musterregionen ist auf 14 angewachsen. Dazu wurden Ideen entwickelt, um Bio regional entlang kurzer Ketten voranzubringen. Außer-Haus-Konsum bietet hier eine große Chance und ist daher ein zentrales Thema des Aktionsplans Bio. Wir müssen die Betreiber so weit bringen, dass auch das Budget erhöht wird, damit auf gute Qualität zurückgegriffen werden kann. Baden-Württemberg setzt dabei auch ganz stark auf das Ernährungshandwerk, also etwa Fleischhauereien und Bäckereien, da wir hier ein großes Potenzial für Wachstum orten.“

Royer: Müssen ehrlicher sein und dürfen uns nicht selbst belügen

Hannes Royer, Obmann der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Grünland- und Viehwirtschaft, zeigte anschließend die Folgen der COVID-Krise für die Milch- und Rindfleischproduktion auf. „Auf die Milch und auf Rindfleisch hatte 2020 katastrophale Auswirkungen: Die Gastronomie hatte geschlossen, der Tourismus war tot und es stellte sich die Frage: Wohin mit der Milch? Die Milchwirtschaft hat es durch gemeinsame Aktionen auch in den Betrieben geschafft, neue Vertriebswege zu erschließen und die Lieferdisziplin einzuhalten. In Spezialsegmenten wie Bio-Milch und Bio-Heumilch ist es sogar so, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt. Aber ich warne davor, dass man jetzt sofort auf Bio umstellt. Denn diese Chance bietet sich nur, wenn man authentisch ist und hinter der Bio-Philosophie steht.“

„Anfang 2020 war plötzlich die Kuh Klimasünderin Nummer 1 und von vielen Seiten wurde gefordert, dass sie verschwindet. Das Tragische ist, dass sich in den Berichten in Österreich nicht wiederfindet, dass bei uns die Produktion eine völlig andere ist. Aber jetzt wird uns das Thema nicht mehr auslassen und wir werden uns damit auseinandersetzen müssen. Wir müssen mit der Bevölkerung kommunizieren und sagen: Schaut auf uns und welche Landwirtschaft wir haben, wie wir produzieren und nehmt nicht immer die Welt als Referenz. Dazu wird es auch eine Informationskampagne brauchen.“

„Wenn wir wollen, dass die Konsumentinnen und Konsumenten zu unseren Produkten greifen, dann müssen wir selbst auch ehrlicher werden. Wenn wir beim Füttern ökonomisch argumentieren, werden die Konsumentinnen und Konsumenten auch ökonomisch argumentieren. Österreich gibt es nicht zum billigsten Preis. Wir dürfen stolz sein auf unser Land und unsere Landwirtschaft, aber wir dürfen uns nicht selbst anlügen. Wir sollten uns vielmehr Gedanken machen, wie wir zu uns selbst ehrlich sein können.“

Wintertagung 2021 in neuem Format

Bei der 68. Wintertagung macht sich das Ökosoziale Forum von 21. bis 28. Jänner 2021 mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf die Suche nach Lösungsansätzen für eine nachhaltige, zukunftsfitte und resiliente Wertschöpfungskette bei Lebensmitteln. Unter dem Motto „Gemeinsam is(s)t man besser: Gemeinsam aus der Krise lernen. Gemeinsam zukunftsfit werden.“ werden Wege und Perspektiven für die Landwirtschaft erörtert. Dabei sind jede und jeder gefordert, mitzudiskutieren und mitzumachen – das neue, digitale Gesicht der Wintertagung 2021 macht es möglich: Alle neun Fachtage stehen online und kostenfrei als Live-Webinare zur Verfügung und werden durch Beiträge in der Mediathek erweitert und ergänzt!

Detaillierte Informationen zur Wintertagung 2021 sowie die Mediathek finden Sie unter https://oekosozial.at/unsere-themen/landwirtschaft/wintertagung-2021-2/wintertagungs-mediathek/