Sichere Ernährung – zwischen Extrawurst und Einheitsbrei

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Ernährung ist seit jeher eine Grundfrage der Menschheit. In unserer Gesellschaft ist Nahrung meist im Überfluss vorhanden. Dennoch machen sich Menschen immer mehr Gedanken, was sie essen (wollen). Ernährung ist eine Frage des individuellen Selbstverständnisses geworden – von Nachhaltigkeitsüberlegungen bis zu tatsächlichen und eingeredeten Unverträglichkeiten – du bist, was du isst. Gleichzeit ist Ernährung auch ein gesellschaftliches Thema. Welche Produktionsformen sind gewünscht bzw. erlaubt, was wird gefördert oder verboten? Um diese Fragen zu diskutieren, lud das Ökosoziales Forum im Rahmen der Alpbacher Wirtschaftsgespräche zur Break-Out-Session „Sichere Ernährung – zwischen Extrawurst und Einheitsbrei“.

Es diskutierten (im Bild v. l. n. r.) der Vorstand der REWE International AG, Marcel Haraszti, die Stellvertretende Landeshauptfrau von Tirol, Ingrid Felipe, die Nachhaltigkeitsverantwortliche von Syngenta Global, Alexandra Brand, Chief Sustainability Officer, Syngenta Global, der Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau Urs Niggli und die Abgeordnete zum Nationalrat und Vizepräsidentin des Österreichischen Bauernbundes Elisabeth Köstinger. Es moderierte Chefredakteurin der Tageszeitung Kurier, Martina Salomon. Das Publikum begrüßte der Präsident des Ökosozialen Forums, Stephan Pernkopf. Auch das hochkarätig besetzte Publikum beteiligte sich rege an der Debatte. Als größte Bedrohung für eine sichere Ernährung in Europa sah das Publikum die Bodenverluste.

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Elisabeth Köstinger wies darauf hin, dass die Landwirtschaft einerseits Hauptbetroffene des Klimawandels ist – durch Trockenheit und Schädlinge. Andererseits künftig auch den CO2-Ausstoß reduzieren muss. Die europäische Agrarpolitik soll daher den Klimaschutz als stärkere Komponente enthalten. Köstinger outete sich als Team Extrawurst. Lebensmittel in Vorarlberg schmecken anders als in Kärnten. Der Kauf von regionalen und saisonalen Produkten ist eine effiziente Klimaschutzmaßnahme. Ein Kilo Rindfleisch aus Brasilien schlägt mit 88 Kilogramm CO2 zu Buche, die gleiche Menge aus Österreich mit 14 Kilogramm. Beim Klimaschutz ist die Landwirtschaft Teil der Lösung.

Klare Nachhaltigkeitsstandards, die soziale, ökologische und ökonomische Kriterien enthalten sowie auf solche zu guten Betriebsführung forderte Urs Niggli. Es gebe in der Landwirtschaft nicht die eine Lösung. 100 % Biolandbau hält er für die Schweiz für möglich. In Österreich sei dies aufgrund des hohen Anteils an Ackerbau schwieriger. Auf Herbizide könnte man mit den entsprechenden Anbaumethoden wohl verzichten. Bei Insektiziden ist dies derzeit nicht der Fall. Hier gebe es noch enormen Forschungsbedarf.

Hinsichtlich der Frage, ob die Mehrwertsteuer auf Fleisch erhöht werden soll, war das Publikum unentschieden.

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Einer höheren Mehrwertsteuer auf Fleisch steht Ingrid Felipe skeptisch gegenüber. Es brauche vielmehr eine soziale und ökologische Steuerreform, die Kostenwahrheit und Transparenz herstellt, vor allem auch beim Transport. Wenn das Fleisch aus Brasilien importiert wird und billiger als das regionale ist, da kann etwas nicht stimmen. Wenn ein Kilo Schweinefleisch 3,50 Euro kostet, stellt sich die Frage, wer etwas davon hat: Wie hat das Schwein gelebt? Und lebt der Bauer besser als das Schwein?

REWE-Vorstand Marcel Haraszti mahnte die Verantwortung der gesamten Lebensmittelkette ein. Diese müsse nicht nur für den Handel gelten, sondern auch für die Gastronomie und Kantinen. Verantwortung müssen alle tragen. Die Kundinnen und Kunden brauchen keinen erhobenen Zeigefinger, sondern mehr Transparenz. Es muss aber nicht alles bis ins kleinste Detail auf der Verpackung stehen. Haraszti forderte von der Politik eine Äquidistanz zu allen Playern in der Lebensmittelkette und ein gleichmäßiges Anreizsystem für nachhaltige Produkte.

Alexandra Brand beklagte das Vorsorgeprinzip im Zulassungssystem für Pflanzenschutz in Europa. Es besteht die Gefahr, dass Europa ins Hintertreffen gerät und innovative technische Forschung anderswo stattfindet. Man könnte einen ausgewogeneren Ansatz finden, der die Bevölkerung und vor allem auch junge Menschen mehr einbindet. In Sachen Transparenz erwartet Brand in den nächsten fünf bis zehn Jahren einen Quantensprung, der jetzt noch gar nicht vorstellbar ist.


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Eine Veranstaltung im Rahmen des Bildungsclusters
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