Gemüse in einem Korb

Alle Inputs zum An- und Nachschauen finden Sie in der Wintertagungs-Mediathek.

Am Fachtag Gemüse-, Obst- und Gartenbau diskutierte das Ökosoziale Forum im Rahmen der Wintertagung 2021 zum Thema „Was wir aus der COVID-Krise lernen – und was nicht“ die Sicherheit und Stabilität unseres Ernährungssystems. Durch die aktuelle COVID-Krise, aber auch durch den Klimawandel werden bisher noch kaum beachtete Anfälligkeiten entlang unserer Lebensmittel-Wertschöpfungskette offensichtlich, wie zum Beispiel Abhängigkeiten in der Nahrungsmittelversorgung und mögliche Versorgungsengpässe. Insgesamt waren rund 550 Teilnehmerinnen und Teilnehmer via Livestream dabei, die mit den Expertinnen und Experten Lehren aus den Krisen und mögliche Lösungen und Chancen erörterten. Dazu zählen etwa eine stärkere gemeinsame Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette und eine entsprechende Vorbereitung auf künftige globale Entwicklungen.

Pernkopf: Wollen in Europa produzieren und Importe vermeiden

Der Präsident des Ökosozialen Forums, Stephan Pernkopf, formulierte eingangs des Fachtags einen Leitgedanken für die anschließenden Vorträge und die Diskussion: „Wir sind für die Zukunft gut aufgestellt, müssen aber dafür sorgen, dass es in Europa künftig nicht weniger, sondern mehr Produktion gibt, da die Weltbevölkerung wächst. Ich bin daher nicht dafür, dass der Green Deal und seine Strategien ein Generalangriff auf die Landwirtschaft sind, bei dem am Schluss weniger Produktion rauskommt. Dann gibt es zwar Blühstreifen von Spanien bis Lettland, aber auch mehr Kondensstreifen, weil die Produkte aus anderen Ländern eingeflogen werden. Das wollen wir nicht. Wir wollen eine starke Eigenversorgung in Europa auf Basis einer „nachhaltigen Intensivierung“. Das heißt: Lebensmittel werden in Europa unter höchsten Standards und Auflagen regional produziert. Denn es ist besser, eine Selbstversorgung aus einer nachhaltigen heimischen Landwirtschaft sicherzustellen, statt von anderen Kontinenten Produkte mit fragwürdigen Umwelt- und Sozialstandards zu importieren.“

Reiner: Müssen internationale Entwicklungen antizipieren und Ableitungen treffen

In seinem Vortrag zum Thema „Wovor sollen wir uns fürchten und wovor nicht?“ beleuchtete Stephan Reiner, Oberst und Forscher am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement an der Landesverteidigungsakademie, internationale Abhängigkeiten und den volatilen Weltmarkt sowie seine Auswirkungen auf die globale Lebensmittelversorgung. „China ist mittlerweile eine der größten globalen Mächte, die jeden Tag Auswirkungen auf Europa hat. Wenn sie etwa den Verlauf der Seidenstraße mit aktuellen Krisenregionen hinterlegen, dann ist zu sehen, dass die europäischen Staaten und jene des Nahen Ostens ursächlich davon betroffen sind. China ist zudem kein agrarisch strukturiertes Land mehr. Mehr als die Hälfte der 1,3 Milliarden Menschen in China lebt mittlerweile in Städten und der Schweinefleischkonsum hat sich in den letzten zehn Jahren verachtfacht. Das hat Auswirkungen auf den Sojapreis und damit letztendlich auch auf Österreich und seine Lebensmittelversorgung.“

„Ein Kleinstaat benötigt Resilienz. Das heißt, eine wirtschaftliche Verschränkung, wie wir sie heute vorfinden und wie sie unsere Wirtschaft betrifft, benötigt natürlich eine Kooperation. Das bedeutet aber auch, dass die „Just in time“-Wirtschaft – mit einer Lagerung am LKW zur sofortigen Verfügbarkeit zum erwünschten Zeitpunkt – besonders anfällig für Krisen ist. Hinzu kommt: Färbt man auf einer Weltkarte Länder mit Konflikten, Unruhen und bewaffneten Konflikten rot ein, dann sind viele Länder um Österreich rot. Aber Furcht ist trotzdem nicht angebracht. Es reicht, Ableitungen zu treffen für klar erkennbare Entwicklungen auf diesem Planeten.“

Fankhauser: Werden Lehren der Krise in GAP einbringen

Johannes Fankhauser, Leiter der Sektion II – Landwirtschaft und ländliche Entwicklung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (BMLRT), sprach über die Lehren aus der Krise und betonte, dass die Landwirtschaft systemrelevant und überlebensnotwendig ist. „Die Lebensmittelwirtschaft und Landwirtschaft haben in Österreich eine enorme Bedeutung. Entlang der Wertschöpfungskette sind rund 420.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tätig. Das sind rund 9 Prozent Anteil an allen Erwerbstätigen in Österreich. Dieser Anteil ist je nach Region jedoch unterschiedlich und geht in einzelnen Regionen bis zu 15 Prozent. Das zeigt die enorme Bedeutung der Lebensmittelwirtschaft.“

„Viele Essensgewohnheiten haben sich während des ersten Lockdowns radikal verändert. Umfragen zeigen, dass diese neuen Gewohnheiten auch nach der Krise bleiben. Die Direktvermarktung ist enorm gestiegen. Wir haben 2020 an Mengen und neuen Wegen in der Direktvermarktung ein Plus von 40 Prozent. Das zeigt, wie stark die Sehnsucht war, die heimische Lebensmittelwirtschaft zu unterstützen und zu wissen, wo das Produkt herkommt.“

„Während des ersten Lockdowns und der Corona-Krise war die Versorgung der Österreicherinnen und Österreicher mit Lebensmitteln zu keinem Zeitpunkt gefährdet, aber nur deshalb, weil es eine enorm gute Zusammenarbeit mit unseren Partnern gegeben hat. Österreich ist dadurch sehr gut durch die Krise gekommen. Die Lebensmittelversorgung ist aber keine Selbstverständlichkeit. Das BMLRT hat daher eine Studie zu den Lehren aus der Corona-Krise mit Ergebnissen bis Frühsommer 2021 initiiert und wird diese auch in die Gemeinsame Agrarpolitik einarbeiten.“



Tagungsleitung und Moderation:

Eva-Maria Gantar
Geschäftsführerin des Österreichischen Branchenverbandes für Obst und Gemüse, Referentin in der Landwirtschaftskammer Österreich, Wien

LIVE-Webinar: Was wir aus der COVID-Krise lernen – und was nicht

09:00 Begrüßung und Einleitung
Eva-Maria Gantar

09:15 Grußbotschaft aus dem Ökosozialen Forum
Stephan Pernkopf
Präsident des Ökosozialen Forums Österreich & Europa

09:20 Wovor sollten wir uns fürchten und wovor nicht?
Zwischen Ängsten der Bevölkerung und tatsächlichen Gefahren
Stephan Reiner
Oberst und Forscher am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement an der Landesverteidigungsakademie, Wien

09:40 Essen ist systemrelevant – Lehren aus der Krise
Johannes Fankhauser
Leiter der Sektion II: Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus, Wien

10:00 Podiums- und Publikumsdiskussion: Was wir aus der COVID-Krise lernen – und was nicht
Cordula Fötsch
Mitgründerin und Aktivistin der Sezonieri-Kampagne, Gewerkschaft PRO-GE, Wien
Andreas Freistetter
Präsident der Niederösterreichischen Landarbeiterkammer, Vorsitzender des Präsidiums des Österreichischen Landarbeiterkammertages, Wien
Christoph Metzker
Mitglied des Vorstands Raiffeisen Ware Austria AG, Wien
Josef Peck
Vorstand der LGV Sonnengemüse, Wien

Rainer Will 
Geschäftsführer vom Handelsverband Österreich, Wien
Stephan Reiner (siehe oben)
Johannes Fankhauser (siehe oben)

11:00 Zusammenfassung und Ausblick auf die Vorträge in der Wintertagungs-Mediathek

11:15 Ende des Live-Webinars

In der Mediathek: Krisenbaustellen: was (nicht) funktioniert

Wie sicher ist die Betriebsmittelversorgung im österreichischen Gemüse,- Obst- und Gartenbau?
Christoph Metzker (siehe oben)

Ist man gemeinsam weniger allein? Vor- und Nachteile von Erzeugerorganisationen in flächendeckenden Krisensituationen
Josef Peck (siehe oben)

Wer fährt die Ernte ein und was ist uns die landwirtschaftliche Arbeitskraft wert?
Lisa Rail
 
Aktivistin der Sezonieri-Kampagne, Gewerkschaft PRO-GE, Wien

Wie funktioniert Vermarktung in der Krise und danach?
Rainer Will (siehe oben)

Ein Blick in die Praxis: Wie es funktionieren kann

Gemeinsame Vermarktung in der Region – aus der Region
Christa Zeiner
Obfrau der Efi – Lebens.mittel.punkt Eferding

Upcycling – beste Reste aus dem Obstbau
Christian Vötter
Vizepräsident/Geschäftsführer vom Verein Tauriska/OGV Bramberg, Bramberg am Wildkogel

Crowdfunding und Kundenbindung mit Genussscheinen
Daniel Ganger 
Gärtnermeister der Genuss Gärtnerei Ganger, Wien

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