Gleichstellung bedeutet, dass alle Menschen – unabhängig von ihrem Geschlecht – die gleichen Rechte, Chancen und Möglichkeiten haben: in der Bildung, im Berufsleben, beim Einkommen oder bei politischer Teilhabe. Es geht nicht darum, dass alle gleich sind, sondern darum, dass niemand aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird.
Solange Gleichstellung vor allem gefeiert, aber nicht konsequent umgesetzt wird, bleibt sie ein Versprechen für später, um genau zu sein für das Jahr 2148. Es ist schön, wenn Konzerne einmal im Jahr rosarote Bilder posten und Blumen verteilen. Noch schöner wäre es allerdings, wenn sie dafür sorgen würden, dass in ihren Vorständen genauso viele Frauen sitzen wie Männer.
Dabei zeigen Beispiele wie Island, dass Fortschritt möglich ist, wenn politischer Wille, klare Regeln und gesellschaftlicher Druck zusammenkommen. Dort beginnt Gleichberechtigung nicht erst im Berufsleben oder in Vorstandsetagen – sie wird bereits in der Volksschule vermittelt. Die Frage ist also: Was können Österreichs Politik, Wirtschaft und Gesellschaft von isländischen Volksschüler:innen lernen?
Gegen die Quote?
Den Luxus, gegen eine Quotenregelung zu sein, hat nur, wer von den vorherrschenden Strukturen profitiert. Ein Beispiel dafür, wie Strukturen – auch wenn sie manchmal unbewusst wirken – zu bleibender Homogenität führen, ist „Peter“: das typische Vorstandsmitglied eines ATX-Unternehmens – männlich, über 50, namens Peter. Mehr zu dem Prinzip der Homogenität findet ihr hier.
Wenn wir jetzt nichts verändern, dauert es laut Global Gender Gap Index noch 123 Jahre, bis wir Gleichstellung erreicht haben. Setzen wir hingegen Maßnahmen und führen Quoten sowie Gesetze ein, kann diese Zeit deutlich verkürzt werden. Das zeigt das Beispiel Island. Island hat es geschafft, die geschlechtsspezifische Parität – gleichmäßiges Verhältnis der Geschlechter – von 78,1 % im Jahr 2006 auf 92,6 % im Jahr 2025 zu erhöhen. Damit erreicht Island einen Wert, der viermal höher ist als der globale Durchschnitt und mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt seiner europäischen Vergleichsländer.

Wie hat Island das geschafft?
Ganz einfach: durch verpflichtende Bildung, Quoten und Gesetze.
Obwohl geschlechtsbedingte Lohndiskriminierung in Island seit Jahrzehnten gesetzlich verboten war, verdienten Frauen lange Zeit weiterhin weniger als Männer (– kommt irgendwie bekannt vor). Unternehmen begründeten dies häufig mit unterschiedlichen Tätigkeiten. Um Gehaltsunterschiede aufgrund des Geschlechts weiter zu verringern, gibt es seit 2018 Gesetz, das Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern festschreibt. Dabei geht es nicht nur um gleiche Bezahlung für gleiche Jobs, sondern auch darum, dass typische „Frauenberufe“ nicht systematisch schlechter bezahlt werden als andere vergleichbare Tätigkeiten.
Um dies sicherzustellen, wurde ein Standard gemeinsam von Expert:innen aus Ministerien, Wissenschaft und Wirtschaft entwickelt. Anhand dieser Kriterien werden Unternehmen von unabhängigen Stellen überprüft, um sicherzustellen, dass ihre Lohnsysteme keine geschlechtsspezifische Diskriminierung enthalten. Mittlerweile liegt der durchschnittliche Lohnunterschied in Island bei vergleichbaren Jobs und unter vergleichbaren Umständen bei gerade einmal 3,6 %. In Österreich liegt er noch immer bei 12,3 %.
Elternkarenz
In Österreich wird der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen nach der Geburt des ersten Kindes besonders deutlich (mehr Infos hier). Die isländische Regierung wollte sich nicht damit abfinden, dass Karenzzeit, Kinderbetreuung und die damit häufig verbundene Teilzeitarbeit bei den Frauen hängen bleiben, während Männer weiter Karriere machen (müssen).
In Island hat daher jeder Elternteil Anspruch auf sechs Monate Karenz. In dieser Zeit erhalten sie 80 % ihres Gehalts. Maximal 4,5 Monate davon können zwischen Mutter und Vater übertragen werden. Im Jahr 2021 nahmen isländische Väter durchschnittlich 131 Tage in Anspruch. Zum Vergleich: In Österreich liegt die durchschnittliche Zeit, die Väter in Elternkarenz gehen, bei neun Tagen.
40-Prozent-Quote
Durch Maßnahmen wie die geteilte Karenzzeit erleben Frauen seltener einen Karriereknick als in Österreich. Dennoch besteht auch in Island eine sogenannte gläserne Decke: Frauen gelangen weiterhin seltener in Führungspositionen.
Um dem entgegenzuwirken, sieht das Gleichstellungsgesetz vor, dass mindestens 40 % der Vorstandsmandate in Unternehmen von Frauen besetzt sein müssen. Der Anteil von Frauen in Vorsitzendenpositionen lag Ende 2023 bei 25,1 Prozent. Der Frauenanteil in den Aufsichtsräten großer Unternehmen (mit 50 oder mehr Beschäftigten und mindestens vier Aufsichtsratsmitgliedern) lag 2023 bei 41,4 Prozent.
In Österreich liegt der Anteil von nicht männlichen CEOs in ATX-Unternehmen – die durchaus eine Vorbildfunktion für andere, kleinere Unternehmen in Österreich haben – bei Null, und der Anteil weiblicher Vorstandsmitglieder bei 14 Prozent.
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt
Doch Hoffnung allein reicht nicht. Wenn wir Gleichstellung nicht erst in 123 Jahren erreichen wollen, braucht es entschlossenes Handeln. Gesellschaftlicher Druck und politisches Engagement können gemeinsam ein starker Motor für Veränderung sein. Das Beispiel Island zeigt, dass Fortschritt möglich ist – wenn wir es ernst meinen und wirklich wollen. Und genau darin liegt die Hoffnung.
Quelle:
- Global Gender Gap Index, 2025
- Statistik Austria
- government.is
- statice.is
- kontrast.at
- theguardian.com
- hagstofa.is
